Kaum ein psychologischer Forschungszweig boomt so intensiv und erfährt so viel Aufmerksamkeit in den letzten Jahren wie die so genannte Positive Psychologie. In den frühen 90er Jahren des letzten Jahrhunderts fragte sich eine Gruppe von Psychologen, warum in der Psychologie eigentlich bisher zwar der Entstehung von psychischen Störungen und deren Beseitigung durch Therapien sehr viel, der Entstehung von psychischer Gesundheit und den Bedingungen, die diese fördern, aber sehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden war. Diese Psychologen wollten dies ändern und begannen daher, sich zunehmend der Erforschung der Voraussetzungen von Glück, Zufriedenheit und seelischer Gesundheit zu widmen.

Mittlerweile gibt es eine Fülle von Erkenntnissen zu diesen Themen. Man kann heute viel dazu sagen, warum manche Menschen glücklicher sind als andere und warum manche Menschen selbst schwere Schicksalsschläge relativ gut verkraften und zu einem zufriedenen Leben auch unter Einschränkungen (beispielsweise trotz einer körperlichen Behinderung infolge eines Unfalls) zurückfinden. Umgekehrt lässt sich auch gut erklären, warum viele Menschen trotz objektiv betrachtet günstiger Lebensumstände unzufrieden und unglücklich sind bzw. warum manche Menschen mit negativen Erlebnissen weniger gut fertig werden. Zusammenfassend lassen sich aus diesen Forschungsergebnissen drei Lebensstile herauskristallisieren, die - ausgewogen miteinander vermischt - fast so etwas wie Garanten für das Glück zu sein scheinen:

  • Der hedonistische Lebensstil (bei dem ein Maximum an Genuss und die Kultivierung von Lebensfreude im Vordergrund steht)
  • Der sinnerfüllte Lebensstil (bei dem es vor allem um die Suche nach einem tieferen Sinn im Leben und den Dienst an einer höheren Sache geht)
  • Der engagierte Lebensstil (in dessen Mittelpunkt die aktive Selbstverwirklichung, also die optimale Entfaltung aller persönlichen Interessen und Begabungen steht).
Neben diesen drei Lebensstilen gibt es aber auch noch weitere Faktoren, die sich in der Forschung als glücksstiftend (oder eben eher glückshemmend) herausgestellt haben. Dabei handelt es sich um bestimmte Denk- und Verhaltensmuster, die wir im Alltag eher praktizieren oder eher unterlassen. Sie sind in großem Umfang dafür mit verantwortlich, ob wir uns langfristig eher glücklich und zufrieden, oder eher unzufrieden und unglücklich fühlen. Bestimmte Neigungen und Tendenzen sind sowohl hier als auch beim bevorzugten Lebensstil offensichtlich teilweise angeboren.

Tatsächlich gibt es sogar offenbar so etwas Ähnliches wie einen persönlichen „set point“ (Sollwert) für Glück. Der Psychologe Thomas Bouchard von der Universität Minnesota konnte in einer groß angelegten Studie an Zwillingspaaren, von denen einige gemeinsam, andere getrennt (also in völlig unterschiedlichen Lebensverhältnissen) aufwuchsen, schon 1994 belegen, dass etwa 50 % unseres Glücksniveaus stark von unseren Genen beeinflusst ist. Scheinbar bekommen wir schon bei der Geburt so etwas wie einen charakteristischen „Glücksfixpunkt“ mit, um den unser Glücksempfinden unser Leben lang mehr oder weniger stabil pendelt. Zwar sind durch extreme Ereignisse (z. B. einen Lottogewinn oder den Verlust des Arbeitsplatzes) kurzfristig Schwankungen möglich, im Schnitt kehren wir aber nach etwa drei Monaten wieder irgendwo auf unser voriges Niveau zurück.

Die Fähigkeit, ein bestimmtes Maß an Glück zu empfinden, scheint also teilweise in die Wiege gelegt zu sein - und wie bei allen Karten, die wir von Mutter Natur so zugeteilt bekommen, gibt es welche unter uns, die gleich zu Beginn drei Asse auf die Hand bekommen, und andere, die sich fragen, was sie um Himmels willen mit so einem miesen Blatt anfangen sollen. Auch unter unseren 16 Persönlichkeitstypen finden sich einige, die man mit Fug und Recht schon bei der Geburt zu den eher sonnigen Gemütern zählen kann, und andere, die diesbezüglich aus einer eher schwierigen Position starten. Eine gewisse „Ungerechtigkeit“ ist also sozusagen in Sachen Glück systemimmanent und diese Ausgangsposition entzieht sich unserer Kontrolle, sie wird uns bei der Geburt mitgegeben, ebenso wie unser Persönlichkeitstyp oder bestimmte physische Merkmale wie Augenfarbe oder Körpergröße.

Aber: 50 % sind nur die eine Hälfte des Ganzen! Und wenn wir die anderen 50 % betrachten, dann bleibt da doch eine ganze Menge an Spielraum für Veränderung. Denn von diesen 50 % wird der weit überwiegende Teil vor allem durch unser Verhalten und unser Denken bestimmt - und das können wir sehr wohl kontrollieren. So hat die Positive Psychologie zum Beispiel eindeutig nachgewiesen, dass man mit Trainingsprogrammen zur konsequenten Förderung der eigenen Stärken die Lebenszufriedenheit deutlich erhöhen kann, und zwar selbst unter sehr ungünstigen objektiven Lebensumständen wie beispielsweise nach Traumatisierungen oder bei körperlichen Erkrankungen.